10.06.2008 10:26Auf dem Sommertollwood - Ein Münchner Stimmungsbild
Ein Mikrokosmos, der jeden Sommer fast vier Wochen münchnerisch-bayrische Traditionen verdrängt, um die Welt für kurze Zeit auf engem Raum zu vereinen. Was für ein schöner Gedanke für all diejenigen, die von Weltfrieden träumen und der WM-Stimmung nachtrauern.
Seit 1988 schlendern wir jeden Sommer über den staubigen Platz und lassen unsere Sinne ein interkulturelles Fest feiern, lauschen fremden Sprachen, atmen ungewohnte Gerüche und schlemmen exotische Gerichte, deren Namen wir nicht aussprechen können. Der Afrikaner grillt den Fisch für uns, der Inder schwenkt das Huhn in Curry, der Italiener schäumt unsere Latte Macchiato; im Amphitheater dürfen wir unter freiem Himmel das Spektakel bestaunen und über unseren Köpfen schweben argentinische Akrobaten.
Wenn dann die Sonne vom bayerischen Himmel strahlt, wenden wir ihr im brasilianischen Biergarten unsere Gesichter zu, wie die Solar-Blume aus alten Verkehrschildern am Eingang, und nach Sonnenuntergang erfreuen wir uns an den bunt beleuchteten Skulpturen unbekannter Talente.
Doch auch die alternativste Festung scheint nicht gefeit gegen äußere Einflüsse. Was hat der Auftritt von Pöbel-Rapper Bushido hier verloren, frägt sich der langjährige Tollwood-Gänger empört und verkraftet den Kulturschock nur mit Hilfe von Schoko-Bananen-Cocos-Crêpes und starken Erdbeer-Caipis. Man ist ja eigentlich bemüht, Prinzipien zu wahren: „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“, stellt das diesjährige Tollwood-Motto fest, und das erste Gebot für die Gastronomie am Platz lautet „biologisch erzeugte Lebensmittel“. Nichts anderes kommt uns also in die essbare Waffelschale oder auf den recycelbaren Pappteller. Schließlich haben wir Münchner das Tollwood ja erfunden um die Welt besser zu machen.
Das Tollwood im Netz: www.tollwood.de
Victoria Leipert
Die 22-jährige Studentin ist gebürtige Münchnerin und jobbt seit 5 Jahren in einer angesagten Bar auf dem Münchner Tollwood-Festival. In den vergangenen Jahren ist sie neben ihrem Studium und diversen Praktika, u. a. bei der Süddeutschen Zeitung, monatelang durch Neuseeland und Südamerika getourt.

