04.09.2008 14:43
Der Tempelberg in Jerusalem – ein umkämpftes Heiligtum

Weithin sichtbar beherrscht die goldene Kuppel des Felsendoms die Silhouette der heiligen Stadt. Besonders schön ist das Panorama vom Ölberg aus, wenn der Tempelberg friedlich und still in der Abendsonne liegt. Doch die Idylle ist trügerisch: Von Frieden ist der Tempelberg weit entfernt. Gleich zwei Weltreligionen erheben Anspruch auf den heiligen Bezirk: das Judentum und der Islam.

Die El-Aqsa-Moschee ist nach Mekka und Medina das wichtigste Heiligtum der Muslime. Und sie steht genau dort, wo sich einst der jüdische Tempel befand. Weshalb El-Haram-el-Sharif, das edle Heiligtum, immer wieder zum Auslöser blutiger Krawalle zwischen Israelis und Palästinensern wurde.

Im Südosten der Jerusalemer Altstadt, oberhalb des Kidron-Tals, liegt der Tempelberg, eines der eindrucksvollsten und zugleich umstrittensten Heiligtümer der Welt. Neben der historischen Altstadt und der Grabeskirche bildet er mit dem prächtigen Felsendom, Wahrzeichen der Stadt, den Hauptanziehungspunkt für Besucher aus aller Welt. Eine der Pforten befindet sich neben der Klagemauer, an der die religiösen Juden ihre Gebete sprechen und immer wieder schmerzlich an den Verlust ihres einstigen Königreichs erinnert werden.

Den Besucher des Tempelbergs erwartet mehr als eine Zeitreise in die Geschichte des Judentums, des frühen Christentums und des Islams. Spätestens wenn man die schwer bewaffneten israelischen Kontrollposten am Eingang passiert, merkt man, dass man in der Gegenwart angekommen ist. An dem symbolträchtigen Ort spitzt sich der schwelende Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis aufs Dramatischste zu, religiöse Gefühle werden für politische Zwecke instrumentalisiert. Die Empfindlichkeit ist auf beiden Seiten groß, die Stimmung explosiv – am Tempelberg genügt ein Zündfunke, um einen Flächenbrand zu entfachen. Wie etwa im Jahr 2000, als der damalige Ministerpräsident Ariel Scharon mit seinem Besuch die zweite Intifada auslöste. Oder 1996, als 80 Menschen bei gewalttätigen Auseinandersetzungen wegen einer Tunnelöffnung starben. Zuletzt sorgten 2007 archäologische Grabungen vor dem Maghrebinertor nahe der Klagemauer für gefährlichen Zündstoff. Der Vorwurf der Muslime: Israel wolle mit den Grabungen die El-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg zum Einsturz bringen. Israel konterte: Der wiederholte Versuch, die archäologische Erforschung des Areals zu behindern, hätte einzig und allein den Grund, dass die Muslime die enge geschichtliche Bindung der Juden an den Tempelberg leugneten. Dabei untermauern immer wieder spektakuläre Funde die Theorie, dass sich der jüdische Tempel genau hier befunden haben muss: die alte Tempelstraße, Bäderanlagen, hebräische Inschriften und ein Eckstein, der Auskunft gibt über den Platz an der südwestlichen Tempelmauer, an dem ein Trompeter jeden Freitag den Beginn des jüdischen Ruhetages, des Sabbats, über die Dächer Jerusalems verkündete. Mit ihren sensationellen Funden, so die Muslime, wollten die Israelis lediglich ihren politischen Anspruch auf Jerusalem rechtfertigen. Die Archäologen in Jerusalem haben es in der Tat nicht leicht. Denn Ausgrabungen am Tempelberg sind weit mehr als nur wissenschaftliche Arbeiten zur Erforschung einer jahrtausendealten Kultur und Geschichte, sie sind ein Politikum.

Flammen politische Unruhen am Tempelberg auf, dann hat das auch Auswirkungen auf die Altstadt von Jerusalem. Das gewaltige Damaskustor, der wichtigste Zugang zur Altstadt, wird je nach Lage kurzerhand geschlossen. Wann das Tor wieder geöffnet wird? Fragt man den Pistazienverkäufer am Damaskustor, der seit ungezählten Jahren hier jeden Morgen steht, erntet man ein Achselzucken oder einen bedeutungsvollen Augenaufschlag. Soll heißen: Keine Ahnung. Sei’s drum! Im hohen Bogen spuckt er die Schalen der Pistazien auf die Straße und schiebt mit seinem quietschenden Karren davon.

Mit dem Ausdruck »Shalóm«, zu Deutsch Frieden, begrüßt man sich auf der Straße. Shalóm, das klingt jedoch fast wie ein Hohn angesichts der allgegenwärtigen Spannungen, der ungelösten Konflikte und des spürbaren Hasses zwischen den beiden Volksgemeinschaften. Und doch schwingt auch Sehnsucht mit, dass endlich Frieden sein möge im Heiligen Land. Und es gibt sie ja auch, die zaghaften Ansätze der Versöhnung: eine israelische Friedensbewegung, die immer wieder für gewaltfreien Dialog wirbt. Verschiedene Vertreter der drei monotheistischen Religionen, die sich die Hände reichen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Besucher sollten zudem wissen: Gewalttätige Auseinandersetzungen sind die Ausnahme, nicht die Regel in der Heiligen Stadt. Am Damaskustor herrscht an normalen Tagen schon am frühen Morgen reges Treiben und Gedränge. Fliegende Händler strömen bei Tagesanbruch in die Altstadt. Vor dem gewaltigen Tor werden die hoch beladenen Verkaufswägelchen in Stellung gebracht, Palästinenserinnen in farbenprächtigen Gewändern jonglieren Lauchstangen, Tomaten und Eier auf dem Kopf, die sie im angrenzenden arabischen Souk gekauft haben. Es duftet nach orientalischen Gewürzen, Früchten und frisch gebackenem Brot und stinkt zugleich nach Abfällen, die sich im Rinnstein sammeln. Tauben umflattern aufgeregt die hölzernen Stände, die sich unter der Last von Nüssen, Pistazien und Sesamkringeln biegen, und wirbeln den trockenen Straßenstaub auf.

Schnell, nur allzu schnell hat man sich als Besucher von hier aus im Labyrinth der angrenzenden Altstadtgassen Jerusalems verloren. Selbst wenn man zuvor versucht hat, sich bei einem Rundgang über die 4 km lange und 12 m hohe, von Sultan Suleyman dem Prächtigen im 16. Jh. erbaute Altstadtmauer grob zu orientieren: Alles zwecklos! Nicht so schnell zu entwirren ist das Durcheinander der verwinkelten Gassen, der kleinen Treppen, dunklen Torbögen und schummrigen Basarsträßchen, das der mit Glühbirnen beleuchteten Gemüsestände, die sich in mächtigen, uralten Mauernischen eingerichtet haben, von denen unablässig der Putz blättert. Hohe, undurchdringliche Mauern, hinter denen man klösterliches Leben oder orientalische Wohnzimmer gleichermaßen vermuten könnte, enge Gässchen, in denen Esel angebunden sind, die von kleinen Rotznasen mit Steinen beworfen werden … Hier, wo sich die Allahu-Akbar-Rufe des Muezzin mit choralen Gesängen und dem ständigen Geläut der rund 100 Kirchturmglocken mischen, wo arabische Händler in den Souks lautstark ihre Samoware, Wasserpfeifen und orientalischen Teppiche anpreisen, wo schon frühmorgens Palästinenser in den Kaffeehäusern sitzen und genüsslich ihre Wasserpfeife rauchen, wo christliche Pilger jeden Freitag in feierlicher Prozession singend das Kreuz Christi über die Via Dolorosa zur Grabeskirche tragen und orthodoxe Juden im Kaftan und mit den charakteristischen Schläfenlocken, den Blick zu Boden gesenkt, Richtung Klagemauer eilen, hier beginnt die Zeitreise, die einen fortspült bis weit in vorchristliche Epochen. Und in der Tat fühlt man sich in der Jerusalemer Altstadt, die 1981 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde, um Jahrtausende zurückversetzt. Das andere, das moderne Jerusalem, Hauptstadt des Hightech-Staates Israel, findet außerhalb der Altstadtmauern statt. Dort, wo sich die Jugend am Abend in den angesagten Bars und Cafés der Ben Yehuda Street trifft und lässig über Armani-Sonnenbrillen in die Abendsonne blinzelt.

Nichtmuslime gelangen nur durch das Maghrebinertor (Bab el-Magharibeh) auf den Tempelberg. Es befindet sich rechts neben der Klagemauer, dem einzigen Überrest des unter Herodes errichteten Zweiten Tempels und damit das wichtigste Heiligtum der Juden. Schon um 950 v. Chr. hatte es hier auf dem Hochplateau eine Tempelanlage gegeben, just an der Stelle, an der Abraham göttlichem Willen gemäß seinen Sohn Isaak opfern sollte – bevor ein Engel den göttlichen Befehl in allerletzter Minute aufhob. Geopfert wurde stattdessen ein Widder. Der von Salomon errichtete Erste Tempel war 587 v. Chr. von dem Babylonier Nebukadnezar zerstört worden. Doch schon um 520 v. Chr. begann man mit der Errichtung des Zweiten Tempels, der ab 21 v. Chr. von Herodes in großem Maßstab umgestaltet wurde. Er fiel der Belagerung Jerusalems durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. zum Opfer. Alles, was den Juden von ihrem einstigen Heiligtum blieb, ist die 48 m lange, 18 m hohe Klagemauer, möglicherweise einst die Außenmauer des Tempelareals. Seit dem Ende des Sechs-Tage-Krieges 1967 wird sie von strenggläubigen Juden zum Gebet aufgesucht. Jüdischem Glauben zufolge ist man an keiner anderen Stelle der Welt Gott näher. Gebetet wird streng getrennt nach Frauen und Männern – ein abgegrenzter Bereich vor der Klagemauer dient als eine Art Freilicht-Synagoge. Für Besucher ist das Areal, auf dem traditionell die Soldaten der israelischen Armee ihren Eid schwören und Feste wie die Bar Mitzwa gefeiert werden, zugänglich. In den Ritzen zwischen den mächtigen Kalksteinquadern stecken kleine beschriebene Zettelchen. Besondere Wünsche, Hilfsgesuche und Danksagungen sind auf diesen Kvittelchen formuliert. Von Zeit zu Zeit werden sie vom Rabbinat entfernt und auf dem Ölberg beigesetzt.

Wer sich an der Klagemauer rechts hält, gelangt zum Eingang des Tempelbergs. Hier muss man mit strengsten Kontrollen rechnen. Israelische Sicherheitskräfte inspizieren den Inhalt der Handtaschen, Rucksäcke und anderer Gepäckstücke bis in den letzten Winkel. Wer die Schleuse passiert hat (freitags, während des Ramadan und bisweilen auch aus aktuellem politischen Anlass ist der Eingang geschlossen), befindet sich endlich im Zentrum dreier Weltreligionen. Das Herz des weitläufigen, stellenweise begrünten Tempelareals, wo mameluckische Spitzbogenarkaden lange Schatten werfen und gläubige Muslime sich vor dem Gebet unter Schatten spendenden Zedern am plätschernden Brunnen die Füße waschen, bildet der gewaltige, im Jahre 691 errichtete Felsendom. Das Bauwerk ist von geradezu überwältigender Schönheit. Aus vergoldeten Aluminiumplatten besteht die 33 m hohe äußere Kuppel, die von einem 3,5 m hohen Halbmond gekrönt wird. Blau-weiß-gelbe, im gleißenden Sonnenlicht funkelnde Fayencen, die Suleyman der Prächtige im 16. Jh. anbringen ließ, schmücken die Außenfassaden des achteckigen Heiligtums. Winzig klein fühlt man sich beim Anblick dieses gewaltigen, unter dem fünften Omaijiden-Kalif Abd el-Malik erbauten Schreins, ein Gefühl, das einen auch im Innern des mit wertvollen Teppichen ausgelegten Felsendoms nicht verlässt. Ehrfürchtig gleitet der Blick hinauf in das mit vergoldeten Stuckarabesken geschmückte Kuppelgewölbe. Doch die wichtigste Sehenswürdigkeit befindet sich am Boden und ist der Kristallisationspunkt des religiösen Konflikts: der knapp 2 m aus dem Boden ragende und durch ein umlaufendes Gitterband vor Reliquienjägern geschützte Heilige Felsen (El-Sakhra). Der jüdischen Überlieferung nach wollte auf diesem Felsen Abraham seinen Sohn Isaak opfern. Muslime sehen in ihm hingegen den Felsen, von dem der Prophet Mohammed mit der Stute Al-Buraq in den Himmel aufstieg. Ein Fußabdruck des Pferdes im Felsen gilt als untrüglicher Beweis. Und irgendwo hier hat sich vermutlich auch die um 587 v. Chr. verbrannte Bundeslade des Ersten Tempels befunden. Die genaue Stelle kennt man allerdings nicht, weshalb orthodoxe Juden den Tempelberg nicht betreten würden. Zu groß ist ihre Sorge, das Allerheiligste, in dem sich einst die Bundeslade befand, versehentlich mit den Füßen zu berühren und damit zu entweihen. Unter dem Felsen befindet sich eine Höhle. Hier versammeln sich nach muslimischer Überlieferung die Toten zum Gebet. Bir el-Arwah, der »Seelenbrunnen«, ist eine wichtige Gebetsstätte gläubiger Muslime. Kein Wunder also, dass Archäologen es am Tempelberg schwer haben. Wer hier auch nur ein kleines Steinchen bewegt, kann einen Heiligen Krieg heraufbeschwören.

Vom Felsendom läuft man über ein paar Treppenstufen, vorbei an den Reinigungsbrunnen, geradewegs auf die zwischen 705 und 715 erbaute El-Aqsa-Moschee zu, die größte Moschee Jerusalems und der nach Mekka und Medina drittheiligste Ort der Muslime. Die Moschee bietet Platz für rund 5000 Gläubige, die sich hier regelmäßig zum Gebet versammeln – streng ausgerichtet nach Süden, Richtung Mekka. In dem mehrfach zerstörten und wieder aufgebauten Gotteshaus, das u. a. von den Kreuzrittern als Hauptquartier benutzt wurde und dessen aus feinstem Carrara-Marmor bestehende Säulen einst ein Geschenk Mussolinis waren, kam es am 20. Juli 1951 zu einem blutigen Attentat. Ein palästinensischer Extremist erschoss hier hinterrücks König Abdallah von Jordanien, vermutlich wegen seiner versöhnlichen Haltung Israel gegenüber. Die Einschuss-Stelle ist noch immer zu erkennen. Wo heute die Moschee steht, ist einst vermutlich Jesus gewandelt, hat die Tische der Geldwechsler umgestürzt und mit Schriftgelehrten diskutiert. Verlässt man die Moschee wieder und hält sich rechts, gelangt man, vorbei an den Ställen Salomos, zum Goldenen Tor an der Ostmauer. Durch dieses Tor soll Jesus am Palmsonntag in Jerusalem eingeritten sein, und durch dieses Tor wird jüdischer Überlieferung nach der Messias Einzug halten. Ein Glaube, der die Moslems 1530 dazu veranlasste, das Tor kurzerhand zuzumauern. Hält man sich aber links, gelangt man von der El-Aqsa-Moschee zum Islamischen Museum, dessen bedeutende Sammlungen einen riesigen handgeschriebenen Koran, Waffen, Münzen und auch Fragmente aus dem Felsendom umfassen. Der Waqf, eine muslimische Stiftung, verwaltet die Kunstschätze des Tempelbergs. Und bestimmt auch darüber, ob man die heilige Stätte besichtigen darf oder nicht. Bleiben die Pforten geschlossen, sollte man mit dem Ölberg vorlieb nehmen. Sollte hinaufwandern, möglichst am späten Nachmittag, vorbei am Garten Gethsemane, in dem Jesus voller Todesangst gebetet hat, nachdem er gemeinsam mit seinen Jüngern das Abendmahl eingenommen hatte, schon ahnend, dass er verraten würde. Es ist die Zeit, zu der auch zahlreiche Pilger, Bibelkreise, Kirchenchöre und andere Touristen den Weg hinauf auf den Ölberg antreten. Denn der Sonnenuntergang über der heiligen Stadt ist legendär, der Tempelberg ein Bild tiefsten Friedens. Und die schwer bewaffneten Soldaten, die überall auf den Stadtmauern und Zinnen der Stadt die fragile Ruhe bewachen, sind von hier oben einfach nicht zu erkennen.

Die Autorin Gudrun Raether-Klünker

studierte Germanistik und politische Wissenschaften in Aachen. Heute ist sie als freie Journalistin tätig und hat mehrere Griechenland-Reiseführer sowie zahlreiche Reisereportagen und Artikel veröffentlicht.

Dieser Artikel stammt aus dem Buch: "Traumziele der Welt: Kunstschätze alter Kulturen".

Kommentare

von Heide Salzer geschrieben am 06.01.2009 14:37
Ein großartiger Artikel. Ich besuchte im letzten Februar diese heilige Stätte. Durfte leider den Felsendom nicht betreten, deshalb freute ich mich über diese Beschreibung. Wünsche mir so sehr den Frieden in den Religionen und vor allem den Frieden in Palästina, es ist das Land der Palästinenser und der Juden.
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