08.06.2009 11:05Römische Literatouren: Auf den Spuren der Illuminati
Sechs Stationen führen die Leser Browns kreuz und quer durch die römische Innenstadt. In der Vatikanischen Bibliothek findet Robert Langdon, Professor der Kunstgeschichte, ein Gedicht von John Milton, das auf einen von Engeln geführten geheimnisvollen Lichtpfad quer durch Rom hinweist. Die Wegweiser sind den vier Elementen gewidmet und die Örtlichkeiten kreuzförmig über Rom beziehungsweise über dem Vatikan angeordnet. Für Langdon und seine Begleiterin Vittoria wird die Rätseltour zu einem Wettlauf mit der Zeit: Sie müssen die Antimaterie, die den Vatikan pulverisieren soll, rechtzeitig aufspüren. Im Vorfeld verschwinden vier Kardinäle, die favorisierten Kandidaten für die gerade anstehende Papstwahl, die an den jeweils ein Element symbolisierenden »Altären der Wissenschaft « vom Auftragsmörder der Illuminati hingemeuchelt werden.
»Von Santis irdenem Grab« deutet Langdon zunächst als das Grab von Raffael Santi.
Der berühmte Künstler der Renaissance ruht im Pantheon, einem der am besten erhaltenen antiken Gebäude Roms, das einst allen Göttern geweiht war. Doch Langdon findet hier nicht, was er sucht, interpretiert das Gedicht jetzt neu als »Grab, das von Raffael Santi erbaut wurde« und begibt sich zur Kirche Santa Maria del Popolo, wo Raffael 1512 das Grabmal des päpstlichen Bankiers Agostino Chigi schuf und mit einer Kuppel überwölbte. Diese soll mit wissenschaftlichen und kosmologischen Symbolen verziert sein, was in der Realität allerdings nicht der Fall ist. Immerhin ist das zum Ossuarium führende »Dämonenloch« tatsächlich vorhanden. Vor der Errichtung der Grabstätte trug die Kapelle den Namen Capella della Terra (Irdene Kapelle), und hier wird der deutsche Kardinal entdeckt – mit Erde erstickt und senkrecht in den Boden eingegraben.
Der Fingerzeig des Engels in der Chigi- Kapelle liefert Langdon den nächsten Hinweis: Auf zum Petersplatz! Auf dem Sockel des Obelisken stellt ein elliptisches Marmorrelief den Westwind als engelsgleiche Erscheinung dar. Das Element »Luft« ist gefunden, allerdings zu spät für den als Obdachlosen verkleideten französischen Kardinal, der mit zerstochenen Lungen mitten auf dem Platz liegt.
Zusammen mit einer Liste der Werke Berninis, der den Petersplatz mit vierfachen Kolonnaden neu gestaltet hatte, führt der »Wegweiser der fünf Windstrahlen« Langdon in die Kirche Santa Maria della Vittoria. In ihrer Cornaro-Kapelle steht Berninis gefeierte Skulptur »Die Verzückung der heiligen Theresa« (1646). Sie zeigt die Mystikerin in ekstatischem Schmerz angesichts eines goldenen Pfeils, den ihr ein Seraph (Beiname »der Feurige«) gleich ins Herz stoßen wird. Hier stirbt der spanische Kardinal, an Ketten aufgehängt und verbrannt. Der goldene Speer, der in der Autobiographie der Heiligen »gefüllt mit Feuer« ist, zeigt im Roman (nicht tatsächlich) nach Westen, in Richtung Piazza Navona. Hier hat Bernini eines seiner berühmtesten Werke errichtet: den Vierströmebrunnen.
Mit dem Brunnen ist auch das vierte Element gefunden, inklusive ertränktem italienischem Kardinal, und Langdon ist bereit zum Showdown im Versteck der Illuminati: der Engelsburg. Der »Passetto«, ein Teil der Stadtmauer Leos IV., verbindet die Engelsburg direkt mit dem Vatikan, den Brown im Roman in einer Antimaterie-Explosion beinahe verpuffen lässt. Aber von den physikalischen Unmöglichkeiten soll hier nicht die Rede sein. Und anstatt von Mord zu Mord zu hetzen, möchte mancher vielleicht ohnehin lieber das römische Leben entdecken: mit einer Markthändlerin auf dem Campo de’ Fiori schwatzen, ins turbulente Nachtleben im Viertel Trastevere eintauchen, zusammen mit unzähligen Liebespaaren auf den Gianicolo-Hügel spazieren oder auf nächtlicher Romantiktour zwischen den Säulen des beleuchteten Forum Romanum wandeln. Das römische »Dolce Vita« ist nicht nur ein Mythos, den Federico Fellini erschuf, als er den Vamp Anita Ekberg in die Fontana di Trevi steigen ließ. Ein todschickes Kleid aus der noblen Via Veneto, eine leckere Pasta bei Alfredo und ein caffè speciale im Sant’ Eustacchio am Pantheon, der vielleicht besten Espresso-Bar Italiens: Rom ist immer eine Reise wert!
Links:
Homepage des Films "Illuminati"
Links und Infos zu Rom
Wolfgang Rössig
Seit über 15 Jahren ist der Reiseautor und Fotograf Wolfgang Rössig für zahlreiche deutsche und internationale Verlage tätig. Wenn er nicht gerade für Polyglott auf seiner Lieblingsinsel Kuba unterwegs ist oder dem heimatlichen Deutschland neue Perspektiven abgewinnt, tourt er am liebsten durch Südamerika, die USA, rund ums Mittelmeer und Australien. Für Polyglott schrieb er u.a. das „Reisebuch Kuba“ und „Deutschland neu entdecken“. Website: http://www.roessig.de


