20.08.2009 15:55
Hudson Bay: Aug’ in Aug’ mit weißen Walen

Das Wasser ist grau und kabbelig. Der Wind kommt von Norden, woher sonst, und ist bitterkalt. Ian Thorleifsson zieht Taucherbrille, Schnorchel und einen unförmigen Neoprenanzug aus dem Seesack und reicht alles zum Bug durch.

Die übrigen Walbeobachter aus der Gruppe feixen. Kalt sei die Hudson Bay nur am Anfang. Die Halskrause würge nur ein bisschen. Und das kleine Loch im Anzug, das müsse man eben zuhalten …

"Alles klar?" Ian würde man nach zwei Minuten Bekanntschaft die eigenen Kinder anvertrauen. "Unter Wasser sehen sie nicht so groß aus", sagt er. Sie, dass sind die rund sechzig Beluga-Wale, die uns gerade umzingeln. Überall weiße Rücken, schnaufend ausgestoßene Atemfontänen. Die größten sind gut vier Meter lang.

Mit dem Gesicht nach unten und den Füßen in einer Schlaufe, treibe ich wie eine Wasserleiche am Seil hinter dem Schlauchboot. Das Wasser ist braungrün. Erst höre ich nur Gurgeln, doch dann mischen sich plötzlich andere Töne in die Wassermusik.

Bis zu dreitausend Beluga-Wale halten sich während des kurzen arktischen Sommers in der Mündung des Seal River auf. In dem flachen Wasser jagen sie den Kapelan, einen kleinen, nahrhaften Fisch. Anbieter der Wal-Veranstaltung ist die Seal River Lodge. Sie steht hundertvierzig Kilometer nordwestlich vom kanadischen Churchill auf nacktem Permafrostboden. Gäste werden eingeflogen, eine Straße gibt es nicht.

Jetzt pfeift, zirpt und fiept es. Ein paar Sekunden später mache ich weiße Schemen aus. Immer näher kommen sie, vorsichtig erst, doch die Neugierde siegt. Einige Tiere schwimmen eine Weile dicht neben mir her, die Augen aufmerksam auf mich gerichtet. Andere schwimmen unter mir, in Rückenlage, und spendieren mir das delphinartige Dauerlächeln. Einer der Wale wird richtig anhänglich. Eine ganze Weile spielt er Eskorte, neben, unter, hinter mir schwimmend. Ich bemühe mich um ein Gespräch mit ihm: Uuuh, mmmmnnnghh, uuaaarrh, so gut die Lautbildung durch den Schnorchel eben funktioniert, und, tatsächlich, er nickt mit dem Kopf und legt sich auf die Seite, als wolle er gekrault werden. Doch als ich die Hand nach ihm ausstrecke, zieht er den Kopf abrupt zurück. Und verschwindet mit einem kräftigen Schlag seiner Schwanzflosse im bernsteinfarbenen Nichts ...

Ole Helmhausen

Der Journalist und Autor lebt seit 16 Jahren in Montréal und hat sich auf Reportagen und Reisereportagen aus Nordamerika spezialisiert (www.olehelmhausen.com). Die Hudson Bay gehört zu seinen Lieblingszielen.



 

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