20.08.2010 13:04
Pilgerboom im heiligen Jahr auf dem Jakobsweg

"Mal weg" und nicht immer erreichbar sein. Einfach abschalten und wieder Boden unter die Füße bekommen. Eine Auszeit nehmen von Stress und Zwängen. Sich körperlich verausgaben und dabei neue Kraft schöpfen, neuen Mut. Neue Freundschaften schließen, unterwegs sein mit Gleichgesinnten. Solche Beweggründe sind es, die mehr und mehr Pilger auf den Jakobsweg bringen.

Wegweiser am JakobswegEs dauert je nach Ausgangspunkt und Fortbewegungsmittel einige Tage oder mehrere Wochen, bis sie in Spaniens Nordwesten am Sehnsuchtsziel Santiago de Compostela ankommen – und letztlich bei sich selbst. Ob man an die Existenz des Apostelgrabes von Santiago glaubt, ist dabei gar nicht so wichtig.

Experten hatten für heuer einen Rekordzulauf vorausgesagt. Dies liegt nicht nur am Pilger-Boom, den Hape Kerkeling mit seinem Bestseller "Ich bin dann mal weg" ausgelöst hat (der mittlerweile sogar auf Spanisch erschienen ist). Nein, 2010 ist kein gewöhnliches, sondern ein Heiliges Jahr: weil der Jakobstag – der 25. Juli – auf einen Sonntag fällt. Dann putzt sich Santiago de Compostela heraus, dann sind die Konzerte um das Patronatsfest besonders hochkarätig besetzt, dann steht (übrigens noch bis zum 31. Dezember) die Heilige Pforte der Kathedrale offen.Santiago de Compostela

Leider geht es in diesem Jahr in der Apostelstadt nicht immer locker zu. Niemand wird mit Rucksack oder größerer Tasche in die Kathedrale eingelassen, Aus- und Eingänge werden von Polizei und Wachdiensten kontrolliert, die Ankömmlinge mitunter unwirsch abweisen und zur Gepäckaufbewahrung schicken. Der Andrang staut sich und sorgt für Unmut. Doch plötzlich ist alles vergessen, wenn man einen stillen Winkel in den Bankreihen findet, die Stimmung des Kirchenraums auf sich wirken und die Wegpassagen vor dem inneren Auge vorbeiziehen lässt ...

Ein ideales Stück Jakobsweg zum Ausprobieren sind die letzten 110 km von Sarria bis Santiago de Compostela. Auf 5-6 Marschtagen lernt man das Pilgerleben kennen, die Unterkünfte in den Herbergen, die mit gelben Pfeilen ausgewiesenen Strecken. Es geht über die grünen Hügel Galiciens, vorbei an Rinderweiden, durch Dörfer und Eukalyptuswälder. Unverzichtbar ist der Pilgerausweis, den man im Vorfeld der Reise über eine der deutschen Jakobusgesellschaften erhält. Wer den Ausweis unterwegs stempeln lässt und damit nachweist, mindestens die letzten 100 km gegangen zu sein, darf sich im Pilgerbüro in Santiago die "Compostela"-Urkunde abholen.

Täglich gibt das Pilgerbüro die neuesten Zahlen der Eingetroffenen bekannt: im Sommer meist über tausend pro Tag. Dies lässt in der Tat auf einen neuen Rekord schließen, den bislang das Heilige Jahr 2004 mit 179.944 Ankömmlingen hält. 2010 könnte die Schallmauer von 200.000 "echten“ Pilgern durchbrochen werden, dazu kommen prognostizierte zehn Millionen Stadtbesucher. Der Besuch von Papst Benedikt XVI. am 6. November wird nach dem Namenstag des Apostels ein weiterer Höhepunkt des Heiligen Jahrs in Santiago de Compostela sein.

Weiterführende Links:
www.xacobeo.es - das Portal zum Heiligen Jahr (mehrsprachig)
www.jakobus-gesellschaften.de - Homepage der Fränkischen St.-Jakobus-Gesellschaft in Würzburg mit zahlreichen Hinweisen für Pilger und Links zu weiteren Jakobus-Gesellschaften
www.spain.info - Informationen für Spanien-Reisende
 

Andreas DrouveDer Autor:
Andreas Drouve gilt als ausgewiesener Jakobswegkenner und lebt seit Jahren als freier Autor in Spanien. Er hat über 90 Reise- und Kulturbücher veröffentlicht, darunter "Geheimnisse am Jakobsweg", "Die Pilgerreise nach Santiago de Compostela" und "Auf dem Jakobsweg. Pilgerstimmen".
www.andreas-drouve.de

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